Die Generalistik kommt

Die Ausbildung für die Pflegeberufe wird zukünftig vereinheitlicht.

Die Generalistik kommt. Was bedeutet das für die Pflege?

Der Countdown läuft: zum 1. Januar 2020 tritt das neue Pflegeberufegesetz (kurz: PfBG) in Kraft. Nach jahrelangen Diskussionen zum Thema Weiterentwicklung der Pflegebe­rufe wird jetzt ein neues Kapitel aufgeschlagen, das die Pflege nachhaltig verändern soll. Unter dem Stichwort Generalistik wird ein Ansatz gewählt, der Spezialisierung zwar zulässt, aber erst einmal in der Ausbildung auf gemeinsame Grundlagen setzt.

Hat Generalistik etwas mit General zu tun? Ein Generalist ist laut Duden “ein Lebewesen mit vielfältigen Möglichkeiten, das unter vielerlei Bedingungen zurechtkommt.” Einen Generalist kann man auch mit Allrounder, Universalist, Alleskönner umschreiben. Kritiker sagen über die Spezies Mensch: Er kann alles, aber nichts gut. Übertragen auf das Berufsbild des Pflegers ist ein Generalist jemand, der sich mit Menschen auskennt, egal, wie alt diese sind. Mit dem General hat das nichts zutun. Das ist ein miliärischer Dienstgrad.

Die drei Berufe Gesundheits- und Krankenpflege, Gesundheits- und Kinderkrankenpflege und Alten­pflege bekommen eine einheitliche Berufsausbildung mit generalistischer, also allgemeingültiger Ausrichtung. Bei der Ausbildung sollen zukünftig eben Alleskönner und weniger Spezialisten herauskommen.

Der Weg ist das Ziel.

Die neue Berufsbezeichnung lautet von nun an Pflegefachfrau bzw. Pflegefachmann. Um die im Pflege­berufegesetz verankerten Vorgaben zu konkretisieren wurde im Oktober 2018 die Ausbil­dungs- und Prüfungsverordnung für Pflegeberufe (PfIAPrV) auf den Weg gebracht. Geklärt wurde auch die Finanzierungs­grundlage der zukünftigen Pflegeaus­bildung.

Qualität der Pflege sichern

Drei wichtige Faktoren im Zusammenhang mit dem neuen Gesetz, das ja nicht im schwerelosen Raum entstanden ist:

1. Europa setzt Standards, die überall gelten sollen. Wer in einem Land A seine Ausbildung gemacht hat, soll auch in einem Land B arbeiten können. Die jungen Menschen wollen mobil sein und möglicherweise auch in einem anderen Land als ihrem Herkunftsland arbeiten und leben.

2. Die Lebenserwartung steigt. In Zukunft werden immer mehr Menschen ein höheres Alter erleben und damit auch verstärkt pflegerische Leistungen in Anspruch nehmen. Gleichzeitig steigt der Anspruch: gehörte man früher mit 50 oder 60 zum alten Eisen, will man jetzt mehr Lebensqualität auch im letzten Lebensabschnitt. Dieser Wunsch erhöht auch die Ansprüche an die Pflege.

3. Das Krankheitsbild der Demenz wurde anerkannt, in den Pflegegraden berücksichtigt, und verlangt einen neuen Umgang mit den Betroffenen. Dazu bedarf es aber auch mehr Personal, das besser geschult sein muss.

Zum Jahreswechsel 2016/17 wurden die bis dato gültigen Pflegestufen auf das neue System der Pflegegrade umgestellt. Seitdem sind Personen mit einer demenziellen Erkrankung körperlich beeinträchtigten Pflegebedürftigen gleichgestellt und könen Hilfsleistungen in Anspruch nehmen. Demenz gilt als eine geistige Erkrankung, die sich auf das Denken, Sprechen, Orientieren, Erinnern sowie auf das  Urteilsvermögen auswirken kann. Es gibt eine größere Zahl demenzieller Erkrankungen. Die international bekannteste und am meisten verbreitete ist die Alzheimer-Krankheit.

Der weite Weg

Vor diesem Hintergrund wird deutlich, was für einen weiten Weg die neue Pflegeausbildung noch vor sich hat. Sie soll ein Werkzeug sein, den neuen, höheren Ansprüchen gerecht zu werden. Von allen Be­teiligten werden enorme Kraftanstrengungen verlangt, und die gesellschaftlichen, berufspo­litischen und inhaltlichen Diskussio­nen werden noch lange andauern. Der neue generalisti­sche Ansatz in der Pflegeausbildung lässt ein paar Sonderwege offen: Die Auszubildenden können auch weiterhin ihren bisherigen Abschluss in der Altenpfle­ge oder in der Gesundheits- und Kinderkrankenpflege machen.

Warum eine Reform notwendig wurde

Die Reform des Berufsgesetzes wurde vor allem aus zwei Gründen notwendig:

Die Be­rufeanerkennungsrichtlinie der EU (2005/36/EU in der Fassung von 2013/55/EU) verlangte eine Umsetzung und sichert so allen Absolventen des generalistischen Berufsabschlusses innerhalb der EU ei­nen Rechtsanspruch auf automatische Anerkennung. Heute werden die Abschlüs­se in der Altenpflege und der Gesund­heits- und Kinderkrankenpflege immer einzeln geprüft und mitunter negativ beschieden. Da sich vor allem junger Bewer­ber eher kurzfristig an einen Arbeitsplatz binden wollen und gerne auch einmal im Ausland arbeiten, entspricht die automatische Anerkennung den Bedürfnissen der neuen Generation. Natürlich trägt das auch zur Attraktivität des Pflegeberufes bei.

Arbeiten in Europa. Bereits 2005 wurde eine neue europäische Richtlinie erlassen. Ziel war es, die Freizügigkeit in Europa real werden zu lassen. Die nationalen Berufsabschlüsse sollen europaweit auf gemeinsame Standards getrimmt werden. Dann können die Europäer einfacher auch in einem anderen Land als ihrem Herkunftsland eine Arbeit aufnehmen. Ihr Abschluß aus Land A ist dann auch in Land B anerkannt. Individuelle, zeitraubende Anerkennungsprozesse entfallen.

Der zweite Grund ist der große demografische Umbau. Kurz gesagt gibt es immer mehr alte und immer weniger junge Menschen, die sich um erstere kümmern können. Digitalisierung und technischer Fortschritt werden die klaffende Lücke nicht ausreichend füllen können. Auch die Versor­gungsstrukturen ändern sich und stellen neue Anfor­derungen an das Pflegepersonal. Dazu ein paar Beispiele:

  • kürzere Aufenthalte in Kranken­häusern
  • palliative Versorgung zuhause
  • neue Wohnformen pflegebedürfti­ger Menschen (WGs)
  • Pflegebedürftige mit Migrationshintergrund

“Experten sprechen vom “Epidemiologischen Übergang”: Eng verbunden mit dem demografischen Wandel haben sich Haupttodesursachen verändert. Waren es im 18. und bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts Epidemien und Seuchen, starben bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts immer weniger Menschen an Infektionskrankheiten. In der zweiten Hälfte waren Unfälle, Krebs, Herz- und Kreislauferkrankungen die häufigsten Todesursachen, ab Ende des 20. Jahrhunderts nahm der Anteil der altersbedingt degenerativen Krankheiten wie Herzversagen oder Demenz stark zu.” (Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung)

Kritik an der neuen Ausbildung

Natürlich gibt es auch Kritiker des neuen Pflegeberufegesetzes. Die Vereinigung der bisherigen spezialisierten Berufe würden zu einem Kompetenzverlust auf theore­tischer sowie praktischer Ebene führen. Sie befürchten, dass bei einer ge­neralistischen Pflegeausbildung Inhal­te verloren gehen und das vertiefte spezielle Wissen vor allem im Bereich Altenpflege und Kinderkrankenpfle­ge nicht mehr in dem Umfang erlernt wer­den kann wie bisher. Diese Ängste kann man entkräften, wenn man auf die Definition des international Council of Nurses (ICN) aus dem Jahr 1975 ver­weist. Dort hat eine „General Nurse” eine pflegerische Erstausbildung mit ent­sprechender Breite durchlaufen. In dieser Ausbildung ist schon damals das gesamte Feld abgedeckt, in dem pflegerischen Handeln erfor­derlich wird:

Alle Alterstufen

  • Säugling
  • Kleinkind
  • Jugendlicher
  • Erwachsener
  • Senior
  • Hochbetagter

Alle Lebenssituationen und -phasen

  • Berücksichtung des kulturellen, re­ligiösen, sexuellen, familiären Hin­tergrunds
  • Begleitung und Beratung
  • Begleitung von und in Familien
  • Begleitung Sterbender

Alle Pflegesituationen und -settings

  • akut
  • dauerhaft
  • stationär
  • ambulant

Alle pflegerischen Zieldimensionen

  • präventiv, kurativ, rehabilitativ, pal­liativ, sozialpflegerisch
  • Beachtung des Rechts auf Selbst­bestimmung

Es geht um Kompetenz

Bärbel Raupach setzt auf Kompetenz und lebenslanges Lernen.

In Paragraph 5 knüpft das PfBG an das bereits 1975 formulierte Ausbildungsziel einer “General Nurse”. Die Leiterin der Pflegeschule Berlin, Bärbel Raupach, hatte bereits 2008 am Klinikum München viele Inhalte der neuen Ausbildung in einem Modellprojekt vorweggenommen. Lernkompetenz sowie Fähigkeiten zum Wissenstransfer und zur Selbstreflexion stehen im Vordergrund. „Lebenslanges Lernen” ist ein Konzept, das nicht nur in dieser Ausbildung angewendet wird. Erstmalig definiert das Gesetz vorbehaltene Aufgaben für Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner. Bei den vorbehaltenen Aufgaben handelt es sich gemäß § 5 Absatz 3 PfBG um

• Erhebung und Feststellung des individuellen Pflegebedarfs

• Organisation, Gestaltung und Steuerung des Pflegeprozesses

• Analyse, Evaluation, Sicherung und Qualitätsentwicklung der Pflege

Wichtig: Diese Vorbehaltsaufgaben gelten allein für generalistisch ausgebildete Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner, nicht jedoch für Absolventen mit dem Abschluss Altenpflege. Sie weisen den Fachkräften zukünftig mehr Kompentenz und Selbstständigkeit zu und soll den Beruf attraktiver machen.

Fester Platz für die Hochschule

Das Pflegeberufegesetz ist ein Berufszulassungsgesetz. Es regelt in der Zukunft den Weg in die Pflege. Die berufliche Ausbildung liegt im Vordergrund, doch im Gesetz ist auch die hochschulische Ausbildung als feste Option integriert. Die Akademische Pflegeausbildung ist nicht mehr länger der Exot mit Modellcharakter, sondern bekommt seinen festen Platz im Ausbildungssystem.

Träger der berufspraktischen Ausbildung bleiben wie gehabt Krankenhäuser, ambulante Pflegedienste und Pflegeheime in Zusammenarbeit mit Pflegeschulen. Der Ausbildungsvertrag zwischen Auszubildendem und Träger benötigt die Zustimmung der jeweiligen Schule. Die Lernenden haben Anrecht auf eine Ausbildungsvergütung. Schulgelder, wie in einigen Bundesländern noch üblich, gibt es nicht mehr. Die Kosten der Ausbildung (Ausbildungsvergütung, Praxisanleitung, Betriebskosten, aber nicht die Investitionskosten der Pflegeschulen selbst) werden durch einen auf Landesebene verwalteten Ausbildungsfond getragen. Durch ein Umlageverfahren werden alle Träger der praktischen Ausbildung an der Finanzierung beteiligt und Ungleichgewichte zwischen ausbildenden und nicht ausbildenden Einrichtungen aufgehoben.

Löwenanteil Praxisanleitung

Praxis ist wichtig.

Die praktische Ausbildung soll wie bisher 2.500 Stunden umfassen. Der überwiegende Teil wird davon beim Träger der praktischen Ausbildung absolviert (§ 7 Absatz 4 PfBG). In der Ausbildungs-und Prüfungsverordnung wird dies mit der Vorgabe von mindestens 1.300 Stunden ausgeführt (§ 3 Absatz 2 PfIAPrV). Die Einsätze werden im akutstationären, langzeitstationären Bereich sowie ambulanten Bereich erfolgen. Einsätze im psychiatrischen Feld und in der Pädiatrie sind verpflichtend. Weitere Einsätze können in den Sektoren Rehabilitation, Palliative Versorgung oder Pflegeberatung angetreten werden. Die Praxisanleitung hat die tragende Rolle unterstreicht damit den hohen Praxisbezug der Pflegeausbildung: Mindestens zehn Prozent der praktischen Ausbildung sind als Praxisanleitung durch qualifizierte Praxisanleiter/innen durchzuführen (§ 4 Absatz 1 PfBG).

Wie die Praxisanleitung spielerisch umzusetzen ist und möglichst optimale Lernerfolge erzielt werden können, dazu später mehr Informationen in unserem Blog.